Lesestück · Erschienen in KULTOUR

Orte derWorte

Manche Orte prägen das Schreiben so nachhaltig, dass Literatur und Landschaft für immer miteinander verwachsen. Eine Reise zu Türmen, Häusern und Schlössern, an denen einige der bedeutendsten deutschen Texte entstanden.

Kultur Hölderlinturm · Buddenbrookhaus · Château de Muzot 6 Min. Lesen
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Hölderlinturm, Tübingen

Der Hölderlinturm am Neckarufer in Tübingen, wo Friedrich Hölderlin 36 Jahre seines Lebens verbrachte.

01 — Hölderlinturm
Am Neckarufer, Tübingen

Bursagasse 6, 72070 Tübingen. Geöffnet Di–Fr 10–17 Uhr, Sa–So 10–18 Uhr. Montags geschlossen. Das Museum zeigt Handschriften, Erstausgaben und Lebenszeugnisse des Dichters.

tuebingen.de/hoelderlinturm

Es gibt Orte, die man nicht verlässt — auch wenn die Tür offen steht. Der Hölderlinturm in Tübingen ist so ein Ort. Fast vier Jahrzehnte lebte Friedrich Hölderlin in dem gelben Fachwerkhaus direkt am Neckar, in der Obhut des Schreinermeisters Ernst Zimmer. Er las, schrieb gelegentlich und trat gern ans Fenster, von wo aus er auf den Fluss schaute. Hier entstanden die späten Gedichte, Fragmente eigentlich, mit jenen knappen, seltsam hellen Zeilen, die Generationen von Lesern nicht mehr losgelassen haben.

Tübingen selbst trägt Hölderlin wie ein stilles Abzeichen. Der Turm steht dort, wo die Altstadt auf den Neckar trifft, die Fassade über das Wasser geneigt, als wolle er sich selbst im Fluss betrachten. Wer hineingeht, betritt das Museum und tritt gleichzeitig in einen der merkwürdigsten Lebensläufe der deutschen Literatur. Die Schautafeln erzählen von einem jungen Dichter, der die griechische Antike beschwor und am Ende doch in einem Turmzimmer ankam. Die Handschriften hinter Glas zeigen, wie sich die Schrift im Laufe der Jahrzehnte veränderte: kleiner, dann fremdartig, schließlich kaum noch zu entziffern.

In diesem Turm schrieb Hölderlin Verse, die so klar sind, dass man lange braucht, um sie wirklich zu lesen.

Was Tübingen dem Besucher gibt, der sich Zeit nimmt: eine Stadt, die ihre Literaturgeschichte nicht ausstellt, sondern bewohnt. Das Stift, wo Hegel und Schelling studierten, liegt zwei Gehminuten entfernt. Die Buchhandlungen am Holzmarkt führen Hölderlin-Ausgaben, als wären es aktuelle Neuerscheinungen. Und der Spaziergang entlang des Neckars, vom Turm aus in Richtung Platanenallee, ist genau das, was man sich an einem ruhigen Nachmittag wünscht: Wasser, Licht, keine Eile.

Lübeck — ein Roman in Stein

Rund 700 Kilometer nördlich, in der Mengstraße 4 in Lübeck, steht ein Patrizierhaus, das längst nicht mehr so aussieht wie zu jener Zeit, als es die Familie Mann bewohnte. Das Buddenbrookhaus wurde bombardiert, wieder aufgebaut, jahrzehntelang als Buchhandlung genutzt, dann zum Museum und in jüngster Zeit aufwendig saniert. Seit 2024 präsentiert es sich in neuem Gewand: ein Haus für Thomas Mann, Heinrich Mann und die Literaturgeschichte einer ganzen Epoche.

Thomas Mann hat Lübeck nie wirklich verlassen, auch als er längst in München, in Pacific Palisades und schließlich in Kilchberg am Zürichsee lebte. Der Roman, den er mit 25 Jahren begann und mit dem er 1929 den Nobelpreis gewann, trägt die Stadt in sich wie ein Abguss. Wer die Mengstraße entlangläuft, sieht das Haus der Buddenbrooks genau dort, wo es im Roman steht. Wer durch das Museum geht, liest Briefe und Fotografien, die zeigen, wie eng Biographie und Fiktion ineinandergreifen.

Buddenbrookhaus, Lübeck
Das Buddenbrookhaus in der Mengstraße 4, Lübeck — Schauplatz und Familiengeschichte zugleich.
02 — Buddenbrookhaus
Mengstraße 4, Lübeck

Geöffnet täglich 10–18 Uhr. Das neu gestaltete Museum widmet sich Thomas und Heinrich Mann, der Familiengeschichte und dem Lübeck der Jahrhundertwende. Gut mit dem Willy-Brandt-Haus und dem Günter-Grass-Haus zu verbinden.

buddenbrookhaus.de

Lübeck lohnt sich auch abseits der Mengstraße. Die Altstadt auf ihrer Insel zwischen Trave und Wakenitz ist UNESCO-Welterbe, und wer den Blick für das Literarische mitbringt, sieht überall Spuren: das Café Niederegger mit seinem Marzipan, die Marienkirche mit den gesunkenen Bronzeglocken, das Gängeviertel hinter dem Holstentor. Und dann das Günter-Grass-Haus, nur wenige Schritte entfernt vom Buddenbrookhaus — mit Gemälden, Skulpturen und Manuskripten eines Autors, der die Stadt so anders und so ähnlich liebte wie Thomas Mann.

Das Wallis — wo Rilke seine Elegien vollendete

Ganz anders, ganz stiller ist der dritte Ort auf dieser Reise. Das Château de Muzot liegt im Rhonetal, oberhalb von Sierre im Wallis, zwischen Rebzeilen und alten Steinhäusern. Es ist kein Schloss im großen Sinn — eher ein mittelalterlicher Wohnturm, der in den Weinbergen steht und heute noch bewohnt ist. Rainer Maria Rilke zog im Sommer 1921 dort ein, als Gast der Gönnerfamilie Reinhart, und blieb bis zu seinem Tod im Dezember 1926.

Was in diesen fünf Jahren entstand, gehört zum Dichtesten der deutschen Literatur: die Duineser Elegien, an denen Rilke zehn Jahre gearbeitet hatte, wurden hier in wenigen Februarwochen des Jahres 1922 abgeschlossen. In derselben Zeit schrieb er die Sonette an Orpheus. Rilke selbst nannte es einen Sturm, der ihn überwältigt habe. Das Château de Muzot ist nicht öffentlich zugänglich, aber schon die Fahrt durch das Rhonetal, der Blick auf den Turm zwischen den Reben, das Licht, das dort im Winter auf die Steinmauern fällt — das erklärt manches.

Rilke vollendete hier in wenigen Wochen, woran er zehn Jahre gearbeitet hatte. Das Wallis hat ihn nie wieder losgelassen.

Rilke ist im Wallis geblieben. Sein Grab liegt auf dem Kirchhügel von Rarogne, eine halbe Stunde talabwärts, mit Blick auf die Berge. Auf dem schlichten Stein steht, was er sich selbst als Epitaph gewünscht hatte: „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern." Wer Muzot nicht betreten kann, besucht das Grab und versteht, warum dieser Dichter ausgerechnet hier blieb.

Château de Muzot, Wallis
Château de Muzot bei Sierre, Wallis — Rilkes Zuhause in den letzten Jahren seines Lebens.
03 — Château de Muzot
Bei Sierre, Wallis

Das Château de Muzot ist Privatbesitz und nicht öffentlich zugänglich. Rilkes Grab befindet sich auf dem Kirchhügel in Rarogne, Kanton Wallis. Die Stadt Sierre widmet Rilke ein eigenes Museum im Château de Villa.

fondation-rilke.ch
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Fotos: Bild 1 — Philipp Wennagel / Pexels.